Erste Lesung aus dem Buch Hábakuk. Hab 1, 2–3; 2, 2–4
1,2 Wie lange, Herr, soll ich noch rufen und du hörst nicht?
Ich schreie zu dir: Hilfe, Gewalt! Aber du hilfst nicht.
3 Warum lässt du mich die Macht des Bösen sehen und siehst der Unterdrückung zu?
Wohin ich blicke, sehe ich Gewalt und Misshandlung, erhebt sich Zwietracht und Streit.
2,2 Der Herr gab mir Antwort und sagte: Schreib nieder, was du siehst,
schreib es deutlich auf die Tafeln, damit man es mühelos lesen kann!
3 Denn erst zu der bestimmten Zeit trifft ein, was du siehst;
aber es drängt zum Ende und ist keine Täuschung; wenn es sich verzögert,
so warte darauf; denn es kommt, es kommt und bleibt nicht aus.
4 Sieh her: Wer nicht rechtschaffen ist, schwindet dahin,
der Gerechte aber bleibt wegen seiner Treue am Leben.
Lesung aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an Timótheus. 2 Tim 1, 6–8.13–14
Mein Sohn!
6 Ich rufe dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes wieder,
die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteilgeworden ist!
7 Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben,
sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.
8 Schäme dich also nicht des Zeugnisses für unseren Herrn
und auch nicht meiner, seines Gefangenen,
sondern leide mit mir für das Evangelium! Gott gibt dazu die Kraft:
13 Als Vorbild gesunder Worte halte fest, was du von mir gehört hast
in Glaube und Liebe in Christus Jesus!
14 Bewahre das dir anvertraute kostbare Gut
durch die Kraft des Heiligen Geistes, der in uns wohnt!
Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas. Lk 17, (3-4) 5–10
In jener Zeit – und das ist HEUTE –
3 Seht euch vor! Wenn dein Bruder sündigt, weise ihn zurecht;
und wenn er umdenkt (umkehr)t, vergib ihm!
4 Und wenn er sich siebenmal am Tag gegen dich versündigt
und siebenmal wieder zu dir kommt und sagt:
Ich will umdenken (umkehren)!, so sollst du ihm vergeben.
5 baten die Apostel den Herrn: Stärke unseren Glauben! (Verleihe uns Glauben!)
6 Der Herr erwiderte: Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn,
würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen:
Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer! und er würde euch gehorchen.
7 Wenn einer von euch einen Knecht hat, der pflügt oder das Vieh hütet,
wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen:
Komm gleich her und begib dich zu Tisch?
8 Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen:
Mach mir etwas zu essen, gürte dich und bediene mich,
bis ich gegessen und getrunken habe; danach kannst auch du essen und trinken.
9 Bedankt er sich etwa bei dem Knecht, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde?
10 So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde,
sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Knechte; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.
SONNTAGSGEDANKEN
Jesus spricht von einem Glauben, der die Kraft habe, durch ein Wort das natürliche Verhalten eines Maulbeerbaumes zu überwinden, Jesus sagt, wer Glauben habe, könne zum Maulbeerbaum sagen: „Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer!“ Und der Baum würde dann diesem Auftrag gehorchen. Dieser Baum stelle sich durch das Vertrauen in das Wort eines Gottvertrauenden angstlos in den Untergang, in den Tod.
Kann Glauben an Gott sowas bewirken? Ist das nicht „ver-rückt“?
Für mich ist dieses bildhafte Beispiel, das Jesus hier anführt, die Antwort auf die direkt vorangegangene Aufforderung zur Vergebung, die genauso „ver–rückt“ erscheint, aber leider nicht zum offiziellen liturgischen Lesungstext mit aufgenommen wurde. Jesus spricht nämlich zuvor zu den Aposteln(!): Seht euch vor! „Wenn Dein Bruder sündigt, weise ihn zurecht; und wenn er umdenkt (umkehrt), vergib ihm! Und wenn er sich siebenmal am Tag gegen dich versündigt und siebenmal wieder zu dir kommt und sagt: Ich denke (kehre) um!, so sollst du ihm vergeben.“
Mal ehrlich: haben wir einen Glauben, der das vermag? Ist das nicht ein ebenso verrückter Vergebungs-Glaube, der – wie jener Auftrag an den Maulbeerfeigenbaum – zum Untergang, zum Tod führt? Ist dieser Glaube nicht „un–glaublich“?
Sich siebenmal am Tag mit einem Menschen „ver–geblich“ vergebend abzugeben, der siebenmal am Tag gegen mich falsch denkt, falsch spricht und ihm dann siebenmal am Tag vergeben, wenn er „umdenkt“? Liegt darin für Jesus das, was wir Glauben nennen? Ist das nicht genauso verrückt wie das Stellen eines Baumes ins Meer – also in den Untergang, in den Tod der Vernunft? Für Jesus ist das anscheinend der KERN des Glaubens: „VER-GEBUNG“! Denn für Jesus ist „Leben trotz des Untergangs im Meer des Todes“ an Ostern klar: „Der Christus wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen und in seinem Namen wird man allen Völkern Umdenken verkünden, damit ihre Sünden vergeben werden. Angefangen in Jerusalem. Ihr seid Zeugen dafür. (Lk 24,47-48)
Ich bin überzeugt, dass es uns wie den Aposteln geht: die Jesus bitten: Stärke unseren Glauben! (Verleihe uns Glauben!). Wer genau liest, merkt, dass es mindestens zwei Lesearten gibt:
„Stärke unseren Glauben“: dann wäre zumindest schon ein schwacher Glaube da, oder:
Verleihe uns Glauben! Dann hätten die Apostel noch gar nicht den Glauben, für den Jesus eintritt.
Glauben ist demnach nicht: Ich glaube an „etwas“, sondern: Ich glaube an die Kraft der Vergebung, die Jesus in seinem Gebet zu Gott so ausdrückt: „Vergib uns unsere Schuld“. Die erste Bitte im Vaterunser-Gebet lautet: Vater: „Vergib uns unsere Schuld“. Ist Gott es nicht, der uns in un–glaublicher Weise vergibt? Sind nicht wir es, die einen Gott verehren, der in Jesus so ver–rückt ist, … der ständig „siebenmal am Tag“: „Vergib uns unsere Schuld“ tut? Gott ist der „Baum des Lebens“, der sich ins Meer der Schuld stellt, und darin untergeht ohne unterzugehen. Darum heißt es auch: „Gott, der HERR, ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, begehrenswert anzusehen und köstlich zu essen, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.“ (Gen 2,9)
Gott lebt mit der Erkenntnis von Gut und Böse zusammen. Er ist uns gegenüber der ständige „Umdenker“ und befreit uns dadurch vor dem Gedanken, wenn wir gesündigt haben: Gott will mich nicht, Gott liebt mich nicht. Gott hat mich verlassen. Genau das ist „GLAUBEN“ – darauf zu vertrauen, dass Gott uns nie verlässt – auch dann nicht, wenn wir wie „untergegangen“ im Meer der Sorgen, der Schuld, der Verzweiflung, der ungelösten Fragen, ja: des Todes stehen. „DU BIST BEI UNS GOTT – trotz unserer Sünden!“ lässt uns bestehen, wo andere sagen: „unglaublich!“
Denn ER steht zu uns „Bäumen der Erkenntnis von Gut und Böse“
Ferdinand Rauch / www.rauch-signale.de